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Berlin

BDLI-Gesprächsreihe „AeroSpace Insights“: „Digitale Pioniere: Die Luftfahrtindustrie erfindet sich neu“

Info-Lunch in der Parlamentarischen Gesellschaft im Rahmen der BDLI-Gesprächsreihe AeroSpace Insights (v.r.n.l.: Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, Dr. Johannes Bußmann, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Technik und BDLI-Hauptgeschäftsführer Volker Thum)
Info-Lunch in der Parlamentarischen Gesellschaft im Rahmen der BDLI-Gesprächsreihe AeroSpace Insights (v.r.n.l.: Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, Dr. Johannes Bußmann, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Technik und BDLI-Hauptgeschäftsführer Volker Thum)
In Deutschland werden so viele Industriegüter produziert, wie in Großbritannien, Italien und Frankreich zusammen. Das produzierende Gewerbe ist somit Grundlage unseres Wohlstands. Doch schafft es Deutschland, auch bei der Digitalisierung der Industrie, die weltweit mit rasanter Geschwindigkeit eingesetzt hat und große Chancen bietet, zum Pionier zu werden?

Dies war das Thema eines hochrangig besetzten Info-Lunchs in der Parlamentarischen Gesellschaft im Rahmen der BDLI-Gesprächsreihe AeroSpace Insights, an dem 16 Mitglieder des Bundestags teilnahmen.

Die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, unterstreicht in ihrem Eröffnungsstatement die Bedeutung der Digitalisierung für Deutschland im Allgemeinen und für die Luftfahrtindustrie im Besonderen: „Jetzt hat die Luftfahrtindustrie die Möglichkeit, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen und die digitale Transformation aktiv mit zu gestalten. Wir brauchen mutige Gestalter, die die Digitalisierung als Chance begreifen.“

Die Luftfahrtindustrie, deren Bedeutung für den Wirtschaftsstandort an Bedeutung zunimmt, ist zentraler Treiber der Digitalisierung der Industrie in Deutschland: Der Flugbetrieb wird immer effizienter und emissionsärmer, Ausfälle und Verspätungen sinken Jahr für Jahr und Abläufe werden vollautomatisiert. Digitalisierung sorgt für erhebliche Effizienzsteigerung bei Produktdesign, -entwicklung und -erprobung. Längst hält die Industrie 4.0 Einzug bei den Endlinien der Flugzeugproduktion und beim Management der globalen Zulieferketten. Die digitalen Methoden führen zu neuen Geschäftsmodellen im Bereich der Flugzeugwartung und - überholung. Und am autonomen und elektrischen Fliegen von morgen wird in Deutschland längst geforscht und bereits in die Tat umgesetzt.  

Prof. Rolf Henke, DLR-Vorstand für Luftfahrtforschung und -technologie, sieht Deutschland international wettbewerbsfähig und betont, dass das System Luftfahrt über Jahrzehnte seine Umweltverträglichkeit massiv verbessert hat, so bei den Emissionen wie Fluglärm und bei dem Schadstoffen. In der Sicherheit seien Werte erreicht worden, die früher so nicht vorstellbar waren. Die fortschreitende Digitalisierung, bekräftigt Henke, wird dazu beitragen, die Rolle der Luftfahrt als globalen Mobilitätsfaktor weiter zu stärken.

Die Digitalisierung zeigt vor allem dann all ihre Konsequenzen, wenn das Flugzeug in den Betrieb geht, so Dr. Johannes Bußmann, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Technik. Dann geht es darum, das Flugzeug möglichst zuverlässig ohne lange Reparatur- und Standzeiten im Flugbetrieb zu halten und kontinuierlich zu modernisieren und auch zu verbessern - wenn erforderlich. Diese Faktoren sind entscheidend für den Erfolg einer Fluggesellschaft - und genau dieses Geschäft wird sich durch die zunehmende Digitalisierung massiv verändern. Grundvorrausetzung dabei ist, die Daten auswerten zu können - und die Ergebnisse technisch umsetzen zu können.

Wenn Daten also das Öl der Zukunft sind, geht es um richtiges Raffinieren. Lufthansa Technik legt mit AVIATAR hierfür den Grundstein. Auf dieser digitalen Plattform können Flugzeuge aller Hersteller direkt nach der Abnahme mit den zugehörigen Herstellerinformationen abgebildet werden. Im Betrieb können dann verschiedene digitale Dienstleistungen wie vorausschauende Wartungsplanung, Fehleranalyse oder Flottenplanung genutzt werden. So begegnen sich auf dieser Plattform Airlines und Servicebetriebe – und Lufthansa Technik sichert der gesamten Zulieferkette den Zugang zu digitalen Produkten. Von dieser Vorreiterrolle profitiert der Standort Deutschland.

Dr. Ulrich Wenger, Head of Capability & Technology bei Rolls-Royce Deutschland, führt aus: „Rolls-Royce Deutschland arbeitet seit langem erfolgreich mit verschiedenen digitalen Werkzeugen, vor allem in den Bereichen Triebwerkskonstruktion, Simulation und Service. Das Rolls-Royce Operations Centre in Dahlewitz, eines von dreien in der Welt, ermöglicht es Servicetechnikern, über 9.000 kleine und mittlere Triebwerke, die derzeit weltweit im Einsatz sind, rund um die Uhr computergestützt zu betreuen. Das datenbasierte ‚Engine Health Monitoring‘ des Konzerns, mit dem ebenfalls Großtriebwerke in aller Welt überwacht werden, hat 15.000 Nutzer. 55.000 Datensätze täglich werden analysiert, dabei entstehen schon jetzt 30 Terra-Byte Triebwerksdaten pro Jahr.“

Beim neuesten Triebwerk des Herstellers, Pearl, wird erstmalig ein bidirektionaler Datenaustausch zwischen der Bodenstation bei Berlin und den Triebwerken ermöglicht. Bei Auffälligkeiten kann die Zentrale so bereits während des Fluges aus Tausenden von Triebwerksparametern die wichtigsten für eine Diagnose gezielt auswählen und abfragen. Fortwährender Datenaustausch, Simulation und virtuelle 3-D Darstellung kommen nicht nur den Konstrukteuren bei der Entwicklung zugute, neue entworfenen Komponenten und Triebwerke werden damit auch immer umweltfreundlicher. Die Simulation der Zerstäubung von Kerosin in den Brennkammern der Triebwerke beispielsweise lässt sich durch Big Data so optimieren, dass der Schadstoffausstoß reduziert wird.

Die Experten waren sich einig: Digitalisierung ist eine Win-Win-Situation, von der die Gesellschaft sowie Unternehmen und ihre Mitarbeiter gleichermaßen profitieren können. Dafür müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Digitalisierung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen und die Herausforderung aktiv aufnehmen.

Fazit: Der Standort Deutschland muss angesichts der anbrechenden technologischen Revolution bei Forschung und Innovation Weltspitze bleiben. Die Branche investiert bereits 10% ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung – und damit doppelt so viel wie andere Branchen. Doch angesichts der globalen Herausforderungen ist es von größter Bedeutung, dass die Forschung auch auf Bundes, Landes- und auf EU-Ebene künftig einen noch höheren Stellenwert einnimmt. 

BDLI-Hauptgeschäftsführer Volker Thum unterstreicht: „Das Luftfahrtforschungsprogramm LuFo ist ein voller Erfolg und sollte angesichts erstarkender Konkurrenz aus aller Welt ausgeweitet werden. Jeder eingesetzte Euro rentiert sich fünffach.“ Deutschland und Europa sind in der Luftfahrtindustrie weltweit mit führend. Um angesichts erstarkender Konkurrenz weltweit an der Weltspitze zu bleiben, ist der Ausbau des LuFo von zentraler Bedeutung.

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In den kommenden Wochen wird der BDLI u.a. unter dem Hashtag #DigitalAerospace die digitalen Pioniere der Luft-und Raumfahrtindustrie in Deutschland vorstellen.

Der BDLI hat die Gesprächsreihe AeroSpace Insights ins Leben gerufen, um Stakeholder und Branchenexperten zusammenzubringen und zentrale Zukunftsfragen für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu diskutieren. Nach diesem zweiten Gespräch sind weitere Veranstaltungen mit Vertretern aus Wirtschaft, Medien und Politik geplant.