Der Freistaat Sachsen

Testanflug des Airbus A380 © Flughafen Dresden GmbH
Digitalisierung in der Luft- und Raumfahrtrepublik:
Deutschlands Luft- und Raumfahrtbranche zu Gast in Dresden

Mit 160 Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit fast 7.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von ca. 1,4 Milliarden Euro gehört die sächsische Luft- und Raumfahrtindustrie zu den Innovationstreibern in den Bereichen Aus- und Umrüstung von Flugzeugen, Komponentenfertigung für Flugzeuge und Raumfahrtobjekte, Tests von Flugzeug­ und Raumfahrtstrukturen, Forschungs- und Entwicklungsvorhaben der Luft­ und Raumfahrttechnik sowie Luftverkehr und Betreuung von Flugzeugen.

Airborne in… Sachsen!

Ganz gleich ob in Dresden, New York oder Singapur – jeder Passagier, der in einen Airbus einsteigt, betritt sächsischem Boden.

Neben der zivilen Luftfahrt im Norden und dem militärischen Schwerpunkt im Süden ist der Osten der dritte bedeutende Cluster der Luftfahrtindustrie in Deutschland. Dort konzentrieren sich vor allem Ausstattung, Kundendienst, Umbau und Wartung.

Bei den Elbe Flugzeugwerken (EFW) in Dresden werden die Böden für alle Airbus-Flugzeugen entwickelt und hergestellt, von der A318 bis zur A380. In jedem der Flaggschiffe sind bis zu 600 Quadratmeter Fußböden verbaut. Jährlich werden ca. 300.000 Quadratmeter Sandwichpanel (entsprechen 42 Fußballfeldern) just-in-time zu den Airbus-Endmontagelinien ausgeliefert. EFW liefert auch Frachtraumverkleidungen und Kabineninterior, z.B. Cockpit-Türen und Trennwände.

Auch werden in den traditionsreichen Hangars in Dresden-Klotzsche Airbus-Passagierflugzeugen ein zweites Leben als Frachtflugzeuge geschenkt: Seit genau 20 Jahren werden bei EFW die Großraumflugzeuge A300 und A310 für Kunden aus der ganzen Welt umgerüstet. Heute operieren mehr als 20 Kunden auf der ganzen Welt über 150 Airbus-Frachtflugzeuge, die „airborne in Dresden“ sind.

Insgesamt 17 Unternehmen in Sachsen besitzen die Instandhaltungsbetriebsgenehmigung nach Part-145 und bieten Leistungen für die Wartung für Passagier- und Frachtflugzeuge an.

Die Welt auf dem Prüfstand – in Dresden

Wird irgendwo auf der Welt ein neuer Composite-Werkstoff entwickelt, durchläuft er mit großer Wahrscheinlichkeit eine Teststrecke in Dresden. Die IMA Materialforschung und Anwendungstechnik GmbH entwickelt und realisiert Prüfungen für Materialien und Bauteile. Haltbarkeit und Funktion werden für Luftfahrt-, Automobil- und Schienenfahrzeugtechnik ebenso geprüft wie Sicherheit und Langzeitverhalten. Bei Bedarf holt man dafür auch mal die Straße ins Labor – kürzlich geschehen beim Ermüdungsversuch eines großen Bugfahrwerkes von Liebherr.

Werkstoffforschung: Innovationen mit großer Einsatzbandbreite

Sachsen ist eine der wichtigsten Drehscheiben für Werkstoffforschung in Europa. Die sächsische Werkstoffszene ist geprägt von großer Vielfalt und interdisziplinärem Denken. So werden etwa metallische Strukturen luftig leicht gestaltet. Polymere sind Hightech-Werkstoffe mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten. Neueste Faser-Materialien und modernste Verarbeitungsmethoden werden fit für die vielfältigen Anforderungen und Einsatzgebiete technischer Textilien im 21. Jahrhundert gemacht. Eine weitere Spezialität ist es, Werkstoffe als superdünne Schichten bzw. Schichtsysteme mit speziellen funktionalen Eigenschaften auf Bauteile aufzubringen.

Exzellenter Forschungsstandort

Die Forschungslandschaft im Freistaat Sachsen ist mit vier staatlichen Universitäten, fünf Hochschulen für angewandte Wissenschaften, fünf Kunsthochschulen und einer großen Anzahl leistungsfähiger außeruniversitärer Forschungseinrichtungen hervorragend aufgestellt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen im Freistaat an sechs Instituten der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) sowie an zwei der WGL zugeordneten Außenstellen der Senckenberg Gesellschaft, an zwei Helmholtz-Zentren, einem Helmholtz-Institut und drei Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, an 14 Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft, an sechs Instituten der Max-Planck-Gesellschaft und an neun landesfinanzierten Forschungseinrichtungen.

In Dresden unterhält der Antriebshersteller Rolls-Royce eines seiner vier deutschen ‚University Technology Centres‘ (UTCs), die für das Unternehmen anspruchsvolle Auftragsforschung ausführen. Am UTC Dresden ist das ‚Leichtbau als Maschinenbau 4.0‘ - denn Konstruktion, Auslegung und Fertigung bei Kunststoffmaterialien müssen – entgegen dem klassischen Maschinenbau – von Anfang an zusammen gedacht werden. Die Wissenschaftler in Sachsen arbeiten konkret daran, Triebwerke durch solche Leichtbaukonstruktionen noch effizienter zu machen. Schon einzelne Komponenten, wie z. B. eine hybride, d. h. aus Kohlenstoff und Metall bestehende Nebenantriebswelle, ermöglichen Treibstoffeinsparungen von 5%. Damit zahlt sich die bereits ein Jahrzehnt bestehende Partnerschaft direkt für die Umwelt und Kunden aus.

Luft- und Raumfahrtrepublik Deutschland am Beispiel Sachsen: Innovation aus Tradition

Diese Beispiele sind Teil des weltweiten Erfolges großer und kleiner Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrtrepublik Deutschland. In jedem der ca. 1700 neuen Passagierflugzeuge, die weltweit im vergangenen Jahr hergestellt und ausgeliefert wurden, befinden sich Bauteile „Made in Germany“ – ein Rekord. Darüber hinaus wird jedes sechste Verkehrsflugzeug – etwa 17% –  bei Airbus in Hamburg ausgeliefert. Zum Vergleich: „Nur“ 7% der weltweiten Autoproduktion stammt aus Deutschland. 

In Anlehnung an den tradierten Begriff „Autoland Deutschland“ lässt sich daher mit viel Berechtigung auch von der „Luft- und Raumfahrtrepublik Deutschland“ sprechen. Und die war am 16. Juni in Dresden zu Gast. Dort veranstalteten der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) und die im BDLI-Regionalforum zusammengeschlossenen Verbände in diesem Jahr bereits zum 11. Mal in Folge den Tag der Deutschen Luft- und Raumfahrtregionen.

Selbstverständlich werden Flugzeuge auch in Zukunft Fußböden benötigen. Die Zukunft gehört jedoch der Digitalisierung der Luftfahrt-und Raumfahrt, dem Thema der diesjährigen Veranstaltung. Die Digitalisierung ist in vollem Gang. Un­ter dem Begriff Industrie 4.0 entstehen neue, innovative Technolo­gien und Konzepte, die die Luft- und Raumfahrt nachhaltig prägen werden. Der 11. Tag der Deutschen Luft- und Raumfahrtregionen bot daher Gelegenheit, sich über die aktuellen Entwicklungen, Märkte und Konzepte zu informieren und Chancen und Risiken der Digitalisierung mit ausgewiesenen Experten zu diskutieren. Dane­ben informierte auch die Initiative Supply Chain Excellence über ihre An­gebote zur Stärkung der Zulieferketten in der Luftfahrtindustrie.

Die Veranstaltung wurde gemeinsam vom BDLI-Regionalforum und dem Kompetenzzentrum Luft- und Raumfahrttechnik Sachsen/Thüringen e.V. (LRT) organisiert. Mitveranstalter ist das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Die Konferenzen und Veranstaltungen dienen dem intensiven Austausch und der Vernetzung der regionalen Akteure in der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie.

Die Luft und Raumfahrtrepublik: Sachsen

Das Netzwerk LRT

Das 2001 gegründete Netzwerk LRT (Kompetenzzentrum Luft- und Raumfahrttechnik Sachsen/Thüringen e.V.) ist der Interessensvertreter der Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Luft- und Raumfahrtindustrie in Sachsen und Thüringen. Ziel der Aktivitäten des LRT ist die Stärkung der Entwicklung der Luft- und Raumfahrtindustrie in Sachsen und Thüringen und ihrer Netzwerke. Die Stabilisierung und Stärkung der regionalen Kompetenzen im Bereich der Luft- und Raumfahrtindustrie stehen im Mittelpunkt der beteiligten Unternehmen, universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie externen Industrieforschungseinrichtungen.

Das Cluster vereint Forschungsexzellenz und unternehmerische Stärken in den Bereichen Materialien und Werkstoffe, Herstellungstechnologien der Werkzeuge und Halbzeuge, Berechnungs-, Simulations- und Konstruktionsverfahren, automatisierte Fertigungstechnologien für Bauteile und Strukturen sowie Test- und Qualifizierungsverfahren.

Sachsen – ein Luftfahrtstandort mit großer Tradition

Die Luftfahrtindustrie in Dresden blickt auf eine lange Tradition zurück. 1955 war das Startjahr für den Flugzeugbau in der sächsischen Landeshauptstadt: International anerkannte Experten bedeutender Firmen der deutschen Luftfahrtindustrie wie Junkers, Heinkel, Siebel oder Arado fanden Mitte der fünfziger Jahre in Dresden zusammen. Die damalige DDR, beflügelt von weltpolitischem Ehrgeiz, gab den Bau der vierstrahligen "152" in Auftrag. Dieses unter der Leitung von Prof. Brunolf Baade entwickelte erste deutsche Düsenverkehrsflugzeug entsprach modernsten aerodynamischen und systemtechnischen Erkenntnissen der damaligen Zeit.

Am 30. April 1958 rollte die "152 V1", die für eine Reichweite von 3000 km, eine Geschwindigkeit von rund 800 km/h und 72 Fluggäste ausgelegt war, aus der Montagehalle in Dresden. Mangelnde wirtschaftliche Effizienz, fehlende Absatzmöglichkeiten im Westen und zu wenig Nachfrage aus anderen sozialistischen Ländern führten im Jahre 1961 - obwohl bereits 26 weitere "152" in der Produktion waren - zur Einstellung des Flugzeugbaus in der damaligen DDR. Die herausragende ingenieurtechnische Leistung jener Luftfahrtpioniere bleibt trotz des mangelnden Markterfolges unberührt: Das erste deutsche Düsenverkehrsflugzeug, das in "Elb-Florenz" entwickelt und gebaut wurde, stellt einen Meilenstein in der Geschichte der deutschen Luftfahrtindustrie dar.