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Jetlag adé

Ein Algorithmus berechnet, welche Lichtszenarien für einen Flug optimal sind.
Ein Algorithmus berechnet, welche Lichtszenarien für einen Flug optimal sind. (Foto: jetlite)
Wer gen Osten fliegt, etwa von Deutschland nach Asien, hat in der Regel mit Jetlag zu kämpfen. Mehr als 60 Prozent aller Passagiere auf Langstreckenflügen leiden darunter, manche über Tage hinweg. Das Hamburger Start-up jetlite hat Lösungen entwickelt, um den Jetlag erheblich zu reduzieren – mit Hilfe von Licht und Ernährung.

Jetlag entsteht, wenn die biologische Uhr eines Menschen durcheinander gerät. Am Zielort ist es mitten am Tag, der Körper des Passagiers ist aber auf Abend und Schlafen eingestellt. Am Anfang von jetlite stand die Frage: Wie kann ein Flug mithilfe von Beleuchtung so gestaltet werden, dass der Zeitunterschied zwischen Ab- und Anreiseort gefühlt reduziert wird?

Macht des Lichtes

Die Antwort ist ein innovatives Beleuchtungsprogramm in der Flugzeugkabine. So unterdrückt beispielsweise ein spezielles, blaues Licht die Produktion des Schlafhormons Melatonin – die Passagiere bleiben länger wach und passen sich so dem Tagesrhythmus am Zielort an. Weitere Lichtszenarien simulieren den Sonnenauf- und -untergang. Eine Zeitdifferenz von sechs Stunden fühlt sich für den Körper nur noch wie etwa drei Stunden an. Vor allem Geschäftsreisende, die nach Ankunft sofort leistungsfähig sein müssen, werden von der Neuerung profitieren.

Die Wirkung ist wissenschaftlich belegt: Mit Testpersonen wurden drei 10-stündige Flüge simuliert. Die Hälfte der Passagiere war dabei der Standardbeleuchtung ausgesetzt, die andere Hälfte dem speziell entwickelten Beleuchtungsprogramm – mit hohem Blauanteil am Morgen und hohem Rotanteil am Abend. Während erstere mit den typischen Jetlag-Symptomen zu kämpfen hatten, konnten die Passagiere der zweiten Gruppe schneller und tiefer schlafen und waren bei Ankunft wacher. Auf Basis dieser Ergebnisse entwickelte der jetlite-Gründer Dr. Achim Leder einen Algorithmus, der das optimale Beleuchtungsschema für verschieden Flugrouten berechnet.

App für individuellen Komfort

Bei der Entwicklung konnte jetlite auf die Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern zählen. So stellte Airbus in seinem Hamburger BizLab die nötige Infrastruktur und Know-how zur Verfügung. Auch Osram, Diehl und das Fraunhofer Institut für Bauphsysik Holzkirchen ließen sich von der Forschungsidee überzeugen. Inzwischen sitzt jetlite im Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) in Hamburg. 2017 zählte jetlite mit der innovativen Idee zu den Gewinnern des Innovationspreises der Deutschen Luftfahrt.

Seit Februar 2017 kommt die Technik erstmals zum Einsatz. Insgesamt 24 Lichtszenarien können im neuen Airbus A350-900 der Lufthansa eingestellt werden. Auch die Boeing 747-800 will die Fluggesellschaft demnächst damit ausstatten. Grundsätzlich kann die Beleuchtung in allen modernen Flugzeugen umgesetzt werden, die LED-Beleuchtung an Board nutzen. Auch ältere Modelle können nachgerüstet werden.

Aber jetlite will noch mehr. Künftig sollen Passagiere ein ganzheitliches Konzept gegen Jetlag erhalten – von der Buchung bis zur Ankunft. Dazu zählen etwa individuelle Ernährungskonzepte für das Catering an Bord und an den Flughäfen. Mithilfe einer eigenen jetlite-App sollen Passagiere zudem künftig bereits einige Tage vor dem Flug Verhaltenstipps erhalten – zum Beispiel mit Empfehlungen zu Schlafenszeiten, um sich auf die Zeitverschiebung einzustellen. So könnte der Jetlag eines Tages gänzlich der Vergangenheit angehören.