KW 35/2019

Ausweichhilfe für Drohnen

HENSOLDTs Kollisionswarnradar mit einem neu entwickelten Radom (Flugzeugnase) in der Testkammer.
HENSOLDTs Kollisionswarnradar mit einem neu entwickelten Radom (Flugzeugnase) in der Testkammer.
Unbemannte Flugsysteme eröffnen teils ungeahnte Möglichkeiten. Etwa könnten eilige Medikamente und Waren eines Tages auch in dicht besiedelten Gebieten wie Städten per Drohne ausgeliefert werden. Oder unbemannte City-Taxis könnten Menschen staufrei ans Ziel bringen. Damit diese Visionen wahr werden, müssen die Fluggeräte Hindernisse in der Luft eigenständig erkennen und umfliegen können. Der Sensor-Spezialist HENSOLDT entwickelt aktuell eine entsprechende Technologie, allerdings zunächst nur für militärische Drohnen. Doch auch die zivile Luftfahrt wird ohne Zweifel profitieren.

Große Verkehrsflugzeuge sind schon heute mit Antikollisionssystemen (Traffic Alert and Collision Avoidance System, TCAS) ausgestattet, die den anderen Luftfahrzeugen ihre Position senden und vor möglichen Kollisionen warnen. Diese Systeme basieren auf kooperativem Austausch von Positionsinformationen über einen Transponder.

Für Drohnen sind diese Technologien aus mehreren Gründen nicht ausreichend: Erstens braucht es einen Piloten, der die Lage beurteilt und gegebenenfalls reagiert. Zweitens erkennen diese Systeme nur Luftfahrzeuge, die über einen Transponder verfügen, der auf ein Abfrage- Signal des TCAS antwortet – bei kleinen Flugobjekten wie Segelfliegern oder Kleinflugzeugen ist das nicht der Fall. Unbemannte Luftfahrzeuge benötigen daher ein zusätzliches Sicherheitssystem, welches ermöglicht, auch ohne Pilot sicher und kollisionsfrei am Luftverkehr teilzunehmen.

Klein und eigenständig

HENSOLDT entwickelt mit dem sogenannten Detect-and-Avoid-Radar aktuell ein solches System. Es passt mit nur gut 10 Zentimetern Einbautiefe auch in die „Nase“ einer Drohne. Dieser Sensor erkennt auch Flugobjekte ohne Transponder und ermöglicht bei Kollisionsgefahr automatische Ausweichmanöver – anstelle der Lagebeurteilung und Reaktion durch den Piloten. In einer Reichweite von bis zu 10 Kilometern erkennt das Radar Luftfahrzeuge und verfolgt deren Bewegung. Zudem übernimmt das System alle Funktionen eines Wetterradars und stellt damit sicher, dass die Drohne nicht in Schlechtwetter fliegt.

Spill-over aus der militärischen Forschung

Mit der Entwicklung ist HENSOLDT europaweit führend. Erstmals angewendet werden soll die neue Radartechnologie in der Eurodrohne. Die erste von europäischen Herstellern entwickelte Drohne soll in rund fünf Jahren einsatzbereit sein. Auf lange Sicht wird die Technologie aber auch für zivile Anwendungen ein Meilenstein sein. Denn sie ist eine Voraussetzung dafür, dass eines Tages City-Taxis oder Drohnen etwa in städtischen Gebieten fliegen können. Und auch als Kollisionssystem für kleinere Flugzeuge wie Geschäftsflugzeuge kann das Radar als Pilotenunterstützungssystem zum Einsatz kommen.

Im November 2018 hat Hensoldt das Radar erfolgreich zum ersten Mal im Flug getestet. Die Flugtests fanden in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) statt. Zuvor hatte das Radar bereits in Bodentests seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Die zweite Flugtestkampagne, in der bereits Verbesserungen im gesamten System eingebracht wurden, hat bereits im Juli 2019 stattgefunden.