KW 20

Alles fließt

Ähnlich der Fließbandfertigung im Automobilbau durchlaufen die Seitenleitwerke der A320 mehrere Stationen. (Foto: Airbus)
Ähnlich der Fließbandfertigung im Automobilbau durchlaufen die Seitenleitwerke der A320 mehrere Stationen. (Foto: Airbus)
Können Flugzeugkomponenten wie Autos am Fließband montiert werden? Schließlich ist der Bau eines Passagierflugzeugs um ein Vielfaches komplexer als der eines Mittelklassewagens, und die Stückzahlen sind vergleichsweise gering. Es funktioniert, wie das Airbus Werk Stade zeigt. Dort wurde ein fließender Fertigungsprozess für die A320-Seitenleitwerke eingeführt, der deutlich effizienter ist und konzernweit Vorbildcharakter hat.

Airbus baut im niedersächsischen Stade sämtliche Seitenleitwerke für seine zivilen und militärischen Flugzeuge. Die typische „Flosse“ am hinteren Ende des Rumpfes gibt einem Flugzeug erstens Stabilität. Zweitens ermöglicht das Seitenleitwerk die Steuerung eines Flugzeuges – sonst wären Kurven nicht zu fliegen. Das Innere des Bauteils besteht dementsprechend aus einer Vielzahl hydraulischer und elektronischer Elemente.

Vom Turmbau zur getakteten Fertigung

Bislang wurden die bis zu acht Meter hohen A320-Seitenleitwerke – ihrer späteren Ausrichtung entsprechend – senkrecht gebaut. Die Produktionsmitarbeiter bewegten sich in Türmen am aufrecht stehenden Seitenleitwerk entlang. Lange Wege und ständiges Treppensteigen und eine wenig ergonomische Haltung bei der Montage gehörten zum Alltag.

2011 entstand während einer Werksbesichtigung bei Porsche dann die Idee, die A320-Produktion grundlegend umzubauen – vom aufrechten Bau zu einer fließenden Fertigung am Boden. Keine triviale Aufgabe: Wie verhält sich die Statik, wenn das 86 Kilogramm schwere Bauteil liegt anstatt zu stehen? Wie kann es schwebend befestigt werden, so dass die Mitarbeiter an allen Stellen arbeiten können? Und wie werden die großen Bauteile zwischen den Fertigungsstationen bewegt? Hinzu kommt: Seitenleitwerke müssen höchsten Anforderungen in Sachen Sicherheit im Flugbetrieb genügen. Erst nach etlichen Tests über 14 Monate gaben die Experten bei Airbus grünes Licht für die liegende Montage.

Alles im Fluss bei der neuen horizontalen A320-Fertigung in Stade. (Foto: Airbus)

 

50 Prozent mehr Produktion auf gleicher Fläche

Der Umbau fand während des laufenden Betriebs statt, denn keinen Tag sollte die Produktion stillstehen – eine Art Operation am offenen Herzen. Ergebnis ist die newFlowline. Jedes A320-Seitenleitwerk durchläuft dabei zwölf Stationen, ähnlich dem Fließbandbau im Automobilbereich. Alle Arbeitsschritte werden in Zeitintervallen – im Takt – erledigt. Dadurch ist der Prozess deutlich effizienter. Bei voller Auslastung können so auf der gleichen Produktionsfläche 50 Prozent mehr Teile gefertigt werden als zuvor. Angesichts prall gefüllter Auftragsbücher und eines schärfer werdenden Wettbewerbs im weltweiten Flugzeugbau ein wichtiger Beitrag zum Geschäftserfolg. Von der fließenden Fertigung profitieren auch die Mitarbeiter, die sich über weniger Treppenstufen und eine geringere körperliche Belastung freuen und sich zudem besser austauschen können.

Die Flowline wird mittlerweile auch auf die Seitenleitwerke etwa des neuen Militärtransporters A400M übertragen. Und auch bei anderen Flugzeugteilen wie Schalen und Flügeln wird bereits geprüft, ob sie künftig fließend gefertigt werden können.